DAVID CLAERBOUT

Flow of Time—David Claerbout and Zhou Tao, The Cloud Collection, Nanjing, CN

„Der Fluss der Zeit“ ist ein aus der Astrophysik stammendes, wenn auch unbewiesenes Konzept des russischen Astronomen Kozyrev, der Zeit als ein fließendes Energiefeld verstand, das Information trägt und überträgt. Als Ausstellungstitel verweist es auf das Wesen des Videomediums selbst: Video erschafft Zeiträume, in denen Bilder kontinuierlich fließen und Bedeutung erzeugen.
In den Arbeiten von David Claerbout und Zhou Tao wird erfahrbar, wie Zeitverläufe das Werk formen und das Bewusstsein der Betrachtenden beeinflussen. David Claerbouts „The woodcarver and the forest“ (2025) ist eine zwanzigstündige Videoarbeit, die Zeit nicht erzählt, sondern erfahrbar macht. Film versteht Claerbout als ein Werk der Dauer, das sich erst im Verweilen erschließt. Das Motiv des Holzschnitzens, oft mit Achtsamkeit und Entschleunigung verbunden, erzeugt durch ruhige Bewegungen und ASMR-artige Klänge eine scheinbare Entspannung. Diese Ruhe ist trügerisch. Als endlos wiederholbare, prozessuale Sequenz offenbart die Arbeit erst mit der Zeit ihre Ambivalenz: Die kontemplative Schönheit des Waldes verdeckt einen schleichenden Verlust, Baum für Baum, unwiderruflich. In dieser Spannung zwischen Wahrnehmung und Erkenntnis liegt die kritische Kraft des Werks – Zeit wird zum Mittel der Enthüllung einer irreversiblen Veränderung.
Formal arbeiten Claerbout und Zhou unterschiedlich: Claerbout kombiniert virtuelle Bilder mit historischem und realem Material, Zhou setzt auf umfangreiche Ortsaufnahmen und spekulative Nachbearbeitung. Beide reflektieren präzise die Beziehungen zwischen Körper und Technologie, Natur und Gesellschaft sowie Geschichte und Zukunft. Spektakel vermeiden sie zugunsten einer distanzierten, oft ironischen Bildsprache. Ihre Werke beziehen sich auf die Geschichte der Malerei und der Bilder, um visuelle Wahrnehmung zu öffnen und Mehrdeutigkeit zu bewahren, statt feste Bedeutungen vorzugeben.

 

10 November 2025 – 10 Februar 2026